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Zuletzt aktualisiert: 09.08.2010, 23:56

»Das Denken in mehreren Ebenen war offensichtlich nicht seine Sache …«
Uwe Johnson bedarf der Fluchthilfe vor seinem Herausgeber
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Die Frankfurter Buchmesse im kommenden Oktober wäre der angemessene Ort für den Suhrkamp Verlag Berlin, ein posthum erscheinendes und der Öffent-lichkeit bislang unbekanntes Buch des Autors Uwe Johnson, »des Giganten der deutschen Nachkriegsmoderne« (Suhrkamp), zu präsentieren.

Aber warum erschien es stattdessen bereits mitten in der Ferienzeit, warum am 19. Juli? Die Antwort lässt sich deduzieren aus drei weiteren Fragen:

Ist das Buch »Ich wollte keine Frage ausgelassen haben« / Gespräche mit Fluchthelfern überhaupt ein originäres Buch aus dem Nachlass des Suhrkamp-Autors Uwe Johnson? Wurde es nicht seiner Autorenschaft gleichsam unter-geschoben? Hätte es in der vorliegenden Form jemals erscheinen dürfen?


Es drängt sich der begründete Verdacht auf, dass der mögliche Missbrauch des Namens Uwe Johnson als Autor dieses Buches – aufgrund eines bedeutsamen Mangels an zu erwartender Lektoratsleistung und infolge der skandalösen Überlassung der Herausgeberschaft an einen aufmerksamkeitssüchtigen Fluchthilfe-Fanatiker und geisteswissenschaftlichen Dilettanten – mehr oder weniger billigend in Kauf genommen wurde.

Der wesentlichsten Tatsache wird mit kalter Ignoranz begegnet: Uwe Johnson löschte dieses Audio-Arbeitsmaterial vorsätzlich aus Gründen der Unbrauchbarkeit für seine literarische Konzeption. Diese Tonbandaufzeichnungen stellten sich für seine Arbeit als ungeeignet heraus. Aus ihnen war weder literarischer noch dokumentarischer Gewinn zu erzielen. Auch gab er es nicht – wie im Klappentext und auf der Website von Suhrkamp behauptet – zurück, denn das beidseitig bespielte Band war sein Eigentum. Er überließ es der Girrmann-Gruppe. Von einer sensationellen Entdeckung zu sprechen, ist somit marktschreierischer Unsinn – zumal Girrmann in seinem Vorwort berichtet, dass ihm dieses Band bereits 1996 »wieder in die Hände« gefallen war.

Ist das also die neue, die Berliner Suhrkampkultur?


Alles bereits getan?


Bis vor knapp einem Jahr gab es das »Uwe Johnson-Archiv an der Goethe-Universität« in Frankfurt am Main. Ein Vierteljahrhundert umsichtig geleitet von Dr. Eberhard Fahlke. Mit weltweit anerkannter Kompetenz, Stil und persönlicher Zurückhaltung sorgte er dafür, dass Werk und Nachlass von Johnson im Bewusstsein der literarischen Öffentlichkeit präsent blieben und der wissenschaftlichen Auseinandersetzung zugänglich waren. Kein mythologi-sierender Gralshüter, vielmehr Inaugurator eines lebendigen Ortes »Für wenn ich tot bin«.

2009 war (auch) ein Uwe Johnson-Jahr. Im Februar (vermutlich am 23. oder 24.) jährte sich zum fünfund-zwanzigsten Mal der Todestag des »ewigen Mecklenburgers« Uwe Johnson und am 20. Juli 2009 wäre er 75 Jahre alt geworden.

Der Suhrkamp Verlag, Inhaber der Rechte an den Werken und Erbe des literarischen Nachlasses des Autors Uwe Johnson, reagierte auf diese beiden besonderen Tage mit klangvollem Schweigen – eine ganz neue Form verlegerischer Erinnerungskultur und Ehrung. [Diese Behauptung von subversionen.de ist so nicht richtig. Siehe korrigierenden Nachtrag!]

Stattdessen wurde das Uwe Johnson-Archiv vom Suhrkamp Verlag an das Deutsche Literaturarchiv Marbach verkauft. In einer gemeinsamen Erklärung des Deutschen Literaturarchivs Marbach und des Suhrkamp Verlags vom 30. September 1999 hieß es:

»Zu den literarischen Beständen, die mit den Archiven von Suhrkamp und Insel vom Deutschen Literaturarchiv Marbach übernommen werden, gehört auch das Autorenarchiv Uwe Johnson, das die Manuskripte, Briefe und die Bibliothek dieses Giganten der deutschen Nachkriegsmoderne enthält. 1984 waren die Papiere Uwe Johnsons von Siegfried Unseld, dem damaligen Vorsitzenden der Peter Suhrkamp Stiftung, als Depositum an die Universität Frankfurt gegeben worden. Aber bereits in den neunziger Jahren hatte Unseld gegenüber dem damaligen Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach, Ulrich Ott, prophezeit: ›Wenn alles getan ist, wird auch das Johnson-Archiv seinen Ort in Marbach finden.‹«



Bar jeglicher kontextualen Substanz


Zu dem literarischen Projekt über die Teilung der Stadt durch die Mauer und die dadurch bedingte Entstehung der Gruppen und Organisationen zur Fluchthilfe hat sich Johnson genau geäußert in seinen Frankfurter Vorlesungen Begleitumstände, S. 263:

»Der derart verschworene Alltag sollte weiterhin eine Geschichte der Städte Berlin seit dem August 1961 hergeben, in ihr als Historie enthalten, was zu ihr geführt hatte seit der Besiegung und Aufteilung Deutschlands.«


Johnson erklärte dieses große Projekt letztlich für »gescheitert« – auch aufgrund des starken Zweifels seines Verlegers Siegfried Unseld an Johnsons Glaube, einen »Notausgang gefunden [zu haben] aus der Gegend der literarischen Erfindung […]«.

Einzig die beiden 1965 veröffentlichten Texte, die Erzählung Eine Kneipe geht verloren und die Zwei Ansichten sind diesem Projekt – auch aus Sicht Johnsons – als mittelbar zugehörig zu betrachten.

Es wäre daher die Aufgabe eines Herausgebers gewesen, diese literarische und literaturhistorische Kontextualität aufzuzeigen und vertiefend zu erläutern resp. kritisch zu kommentieren unter Berücksichtigung aller Quellen primärer und sekundärer Art. Zusammen mit fachhistorischen Verständigungen und juristischen Annotationen hätte ein Sammelband entstehen können mit dem Titel:

      »Zwischen den Städten Berlin«
      Uwe Johnsons aufgegebenes Erzählprojekt
      Herausgegeben von […]
      Mit Beiträgen von […]

Die jetzt vorgelegten Transkriptionen der aufgezeichneten Befragungen von Girrmann und Thieme durch Johnson wären dann (in einer selbstverständlich vollständig revidierten Fassung) nur ein materieller Bestandteil.

Aber eine solch aufwändige Arbeit sollte nicht sein. Stattdessen haben wir es jetzt mit einem falsch getitelten, schlecht gearbeiteten und darum entsetzlich langweiligen Buch zu tun.


Jacke wie Hose


Eröffnet wird das vorgelegte Buch mit Vorworten der zwei Begründer des Unternehmens Reisebüro. Detlef Girrmann und (der kürzlich verstorbene) Dieter Thieme – beide Jahrgang 1928 – wurden schon einen Tag nach der Grenzschließung durch die DDR-Regierung als Fluchthelfer tätig. Sie arbeiteten schon längere Zeit – als ehemalige Staatsbürger der DDR – im Studentenwerk der Freien Universität Berlin (FU) und waren bereit, all jene Studenten, die im Ostteil der Stadt wohnten und an der FU studierten, zum Zwecke der Weiterführung des Studiums mit all ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln und neu zu schaffenden Möglichkeiten, nach West-Berlin zu bringen … Die Nachfrage überstieg bald die Möglichkeiten des Angebots. Die notwendige Logistik wurde immer komplexer und aufwändiger, auch hinsichtlich der Eigensicherung gegenüber den äußerst aktiven Staatsorganen der DDR, insbesondere der Stasi (MfS).

Wenige Zeit später wurde die Leitung der Gruppe durch Bodo Köhler (1928-2005) verstärkt. Anlässlich seines Todes richtete die Gedenkstätte Deutscher Widerstand eine an ihn erinnernde Festveranstaltung aus – an der auch Girrmann und Thieme aktiv teilnahmen – und stellte fest:

Der Bau der Berliner Mauer im August 1961 sollte den Strom der Flüchtlinge beenden. Er zerriss Zehntausende von Familien und setzte die DDR-Bürger unter massiven innenpolitischen Druck. Viele von ihnen suchten auch nach der Grenzschließung nach einer Fluchtmöglichkeit. Als einziger Ausweg blieb ihnen oft nur die Unterstützung von Fluchthilfegruppen. Dass Fluchthilfe eine Gewissensentscheidung war, dafür steht kein anderer mehr als Bodo Köhler.

Student von Paul Tillich, enger Freund von Uwe Johnson, litt er wie dieser an der deutschen Geschichte und Gegenwart. Für ihn war Fluchthilfe Teil eines lebenslangen Engagements für Erinnerung, für mehr Menschlichkeit und für politische Freiheit. Zusammen mit Detlef Girrmann und Dieter Thieme leitete er nach dem Mauerbau die bedeutendste studentische Fluchthilfeorganisation. Als Redenschreiber in der Berlin[er] Senatskanzlei und Vertreter von Egon Bahr war er maßgeblich an der Formulierung der Neuen Ostpolitik beteiligt. Er förderte den Aufbau der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und betreute jüdische Emigranten, die vom Berliner Senat in ihre ehemalige Heimatstadt eingeladen wurden. In der Festveranstaltung soll an das Leben und Wirken von Bodo Köhler erinnert werden.


Auch von Köhler (und anderen) hat Johnson seinerzeit über die Arbeit der Fluchthelfer ausführliche Auskunft erhalten. Diese Mitschnitte gelten als endgültig von Johnson gelöscht.

Die beiden erhaltenen Tondokumente sind aufnahme- und vermutlich auch materialtechnisch von äußerst dürftiger Qualität. Johnson wird sie als reine Protokolle betrachtet und die technischen Mängel mühelos durch sein Gedächtnis kompensiert haben.

Dass diese Aufnahmen vom Herausgeber Veigel im Titel als »Gespräche«, im Buch aber als »Interviews« bezeichnet werden, scheint im Verlag niemandem aufgefallen zu sein. War alles an und in diesem Buch für das Lektorat wirklich Jacke wie Hose? Was als Transkriptionen auf 180 Seiten abgedruckt wurde, hätte von einem Theater-Dramaturgen inhaltlich und typographisch umgesetzt werden müssen. Text und Original sind vielleicht überwiegend wortidentisch, aber in ihrer Wesenhaftigkeit eo ipso inkongruent.

Die von Veigel hergestellten Transkriptionen dienen vermutlich dessen Eigennutz. Johnsons poetologisches Interesse an den präzisen Informationen über die realen Vorgänge der Fluchthilfe bleibt dem Herausgeber genauso verborgen wie auch die subtile Variationsfähigkeit des Fragenden. Gerade bei Girrmann gerät Johnsons Befragung stellenweise in die Nähe eines inquisitorischen Verhörs. Erst wenn Girrmann emotional ins Trudeln gerät, nimmt Johnson sein eigenes Verhalten war und findet wieder die angemessene Tonlage.

Somit sind die online zur Verfügung stehenden Tondokumente für stringente Johnson-Leser und die Johnson-Forschung weit wichtiger als deren Transkriptionen, die zudem von Veigel mit 337 Fußnoten versehen wurden, die zum Teil unsinnig resp. vollkommen überflüssig sind. Spricht z.B. Johnson von »hier« und »dort«, dann fügt Veigel hinzu: »Gemeint ist: West-Berlin« und »Gemeint ist: Ost-Berlin«. Ein anderes Beispiel (S. 26): »J: Wie hat die … gedacht? Wie sah das aus?« Veigel merkt an: »Zwei Worte sind nicht verständlich: vermutlich etwa ›Wer aus der Gruppe hat die Aktionen ausgedacht?‹«. Da erübrigt sich jeder Kommentar …


»Ich denke sowieso mit dem Knie« (Beuys)


Das Nachwort des Herausgebers Dr. med. Eberhart Veigel, Orthopäde im Ruhestand und »Berliner aus Passion«, stellt den traurigen Höhepunkt dieses Buches dar. 1938 im Eisfeld (Süd-Thüringen) geboren, wuchs er ab 1940 in Stuttgart auf. Veigel hat somit nie in der DDR gelebt, war folglich niemals Staatsbürger der DDR und hat sie vermutlich noch nicht einmal als westdeutscher Tourist besucht. Diese nicht unerheblichen Fakten erwähnt Veigel mit keinem einzigen Wort. Der Leser des Buches wird den Eindruck gewinnen (müssen), dass Veigel historisch ähnlich disponiert war wie Girrmann und Thieme.

Beim ersten gemeinsamen Treffen von Girrmann, Thieme, Köhler und Veigel nach fast 40 Jahren, wird eine Frage zum beherrschenden Gesprächsthema: »Warum haben die Typen von der Stasi uns damals nicht erschossen, warum haben sie uns nicht aufgelauert, warum haben Sie uns keine Bombe ins Zimmer geworfen? Es wäre ein leichtes für sie gewesen, uns ins Jenseits zu befördern, und sie hätten sich dadurch viel Arbeit und viele kleinen Niederlagen erspart. Eine sichere Antwort fanden wir nicht. Es war uns aber klar, daß die Geschichte der Fluchthilfe sehr viel anders verlaufen wäre, wenn die Stasi uns, die Gründer der organisierten Fluchthilfe, liquidiert hätte.« (S. 235-236)

Girrmann nennt bereits in seinem Vorwort den wohl wahrscheinlichsten, weil politisch realsten Grund: »Wenn herausgekommen wäre, daß hinter einem solchen Anschlag die Stasi/DDR gesteckt hätte, hätte das der internationalen Reputation der DDR massiv geschadet, und gerade die war den Machthabern in der DDR zunehmend wichtig. Also konnte man einen solchen Anschlag nicht riskieren.« (S. 10)

Für Veigel sicherlich eine zu profane Erklärung. Während Girrmann und Thieme sich in den Medien stets zurückhielten mit Auskünften über ihre Tätigkeit als Fluchthelfer, ließ und lässt Veigel keine Gelegenheit verstreichen, für sein selbsternanntes »heldenhaftes« Verhalten eine glorifizierende Anerkennung einzufordern.

Deutlich zu relativieren ist auch der vermeintliche ›Altruismus‹ der Mitglieder der Girrmann-Gruppe, auf den immer wieder direkt oder indirekt hingewiesen wird. Marion Detjen stellt in ihrer Dissertation (»Ein Loch in der Mauer. Die Geschichte der Fluchihilfe im geteilten Deutschland 1961-1989«, München, 2005, hier S. 20) fest: »Tatsächlich nahm keiner der Fluchthelfer den finanziellen Ruin auf sich. Auch die idealistischsten und moralischsten unter ihnen, die ihre bürgerliche Existenz aufs Spiel setzten, beglichen ihre Schulden zuletzt mit dem Honorar, das sie von Flüchtlingen verlangten.«

Auch ist Veigels Einschätzung von Uwe Johnson einzigartig: »Das Denken in mehreren Ebenen war offensichtlich nicht seine Sache […]«. Inzwischen kann man bei Suhrkamp Johnson-Herausgeber werden, selbst wenn man ein ziemlich indifferentes Verhältnis zur deutschen Sprache hat. Und wenn man zusätzlich auch fast keine Ahnung von dem Werk des Autors besitzt, was soll’s? Die Hälfte des Nachworts besteht ja sowieso aus dem Zitat der bekannten Passage aus den Begleitumständen. Letztendlich, so gibt Veigel an, erst heute die Möglichkeit zu haben, »sine ira et studio mit vielen Zeitzeugen zu sprechen und parallel dazu in den Stasi-Akten zu lesen.«

Wie er tatsächlich ›ohne Zorn und Eifer‹ als Arzt und Humanist handelt, dass kann man auf seiner eigenen Website fluchthilfe.de nachlesen.

Zitat 1:

Seit dem 19.7.2010 ist das Buch von/über Uwe Johnson „Ich wollte keine Frage ausgelassen haben“ auf dem Markt, für dessen Herausgabe ich verantwortlich bin. Darin beschreibe ich auch ansatzweise die Taten von zwei Spitzeln der Stasi, Georgios Raptis und Siegfried Uhse (geb. 9.7.1940). Raptis ist tot, Uhse lebt nach meinen Informationen in Thailand und soll herzkrank sein.
Durch seine Spitzelei hat er erreicht, dass mindestens 89 Menschen von der Stasi verhaftet wurden. Die Opfer mussten ihre Strafen fast immer voll absitzen; der Freikauf der Bundesrepublik „griff“ ja richtig erst ab dem Frühjahr 1964, als sich die Girrmann-Gruppe, in die Uhse eingedrungen war, schon aufgelöst hatte.
Wer weiß, wo sich Uhse heute aufhält? Wer wurde durch ihn geschädigt, z.B. bei den zahlreichen Verhaftungen (z.T. auf einem LKW) am Tunnel in der Kiefholzstraße und dem Tunnel in Kleinmachnow? Oder auch bei den Fluchtversuchen über Skandinavien? Oder in einem unserer Verstecke in Ost-Berlin? Und wer waren dort die „Verstecker“?


Zitat 2:

In diesem Jahr, dem 49. seit dem Bau der Mauer, werden wir keine so übermächtige Konkurrenz haben wie im letzten Jahr. Deshalb hoffe ich, dass sich in diesem Jahr noch wesentlich mehr Betroffene mit uns treffen wollen! (Im letzten Jahr waren wir schon ca. 250! Viele davon haben auf die Feiern am Brandenburger Tor verzichtet, um zu uns zu kommen!).
Ich hoffe auch, dass wir noch mehr Resonanz in den Medien finden, und auch, dass sich der 13. August fest etabliert als Treffen von Flüchtlingen und Fluchthelfern, weil WIR die echten Vertreter der Freiheit sind! Wir wissen, was Freiheit und Unfreiheit bedeutet, und als solche Menschen wollen wir in der Öffentlichkeit auch wahrgenommen werden!


Und ein solcher Mann wird von Suhrkamp als Herausgeber ausgerechnet von Uwe Johnson beschäftigt?

Zudem ist er Vorsitzender des Vereins des Autorenkreises e.V. und somit Mitglied des rechtsliberal-konservativen Autorenkreises der Bundesrepublik. Forum für Literatur und Politik.


»Wer wen?« (Brecht)


Der Autor dieses Buch ist nicht Uwe Johnson. Es handelt sich bei den Transkriptionen der Tonbandprotokolle um unkritisch editiertes Arbeitsmaterial, das Johnson als nicht mehr existent und somit irrelevant betrachtete. Es wäre die eigentliche Aufgabe eines Herausgebers gewesen, die beiden Veröffentlichungen von Johnson – Eine Kneipe geht verloren und Zwei Ansichten – in Bezug auf dieses Arbeitsmaterial zu untersuchen, um festzustellen, ob und was von den protokollierten Informationen tatsächlich Eingang in die Texte gefunden hat.

Die Transkriptionen dienen ausschließlich den Eigeninteressen des Herausgebers Veigel. Er benutzt den weltberühmten Autor Uwe Johnson als angeblichen Kronzeugen für seine eigenen Tätigkeiten als Fluchthelfer, über die er aber nur sehr vage und vollkommen unvollständig Auskunft gibt. Ausser dem Hinweis, dass er vorübergehend Mitglied der Girrmann-Gruppe war, erfährt der Leser nichts. Warum?

Auf der bereits erwähnten privaten Website der Herausgebers findet sich folgende Text-Passage:

»Ich weiß deshalb noch nicht, welches Gesicht „mein“ Buch haben wird und wann es erscheinen kann. […] Als „Vorläufer“ [sic!] habe ich im Sommer 2010 ein Buch über Uwe Johnson, „Ich wollte keine Frage ausgelassen haben“, bei Suhrkamp herausgegeben. Wir haben im Frühjahr 1962 seine spätere Frau „herausgeholt”, in den Westen gebracht, und dazu gab es noch Texte, die bisher nicht veröffentlicht waren. Auch das sehe ich sehr positiv, weil auf diese Weise Uwe Johnson und der Suhrkamp-Verlag quasi als Schutzheilige hinter mir stehen


Jeder Mensch hat ein Recht auf private Irrungen, Wirrungen und Verwirrungen. Aber noch gilt, dass der Herausgeber verantwortlich ist für das von ihm veröffentlichte Werk und sich vor der öffentlichen Kritik auch verantworten muss. Er repräsentiert auch gleichzeitig den literarischen/intellektuellen Anspruch und/oder die wissenschaftliche Qualität des Verlags.

Es bleibt unverständlich, warum die Verlegerin Ula Unseld-Berkéwicz und ihr Cheflektor Raimund Fellinger ein derart schlecht erarbeitetes Buch gefördert und veröffentlich haben. Es wäre ihre Verlagspflicht gegenüber dem Suhrkamp-Autor Uwe Johnson und dessen Verleger und Freund Siegfried Unseld gewesen, sie vor einen Mann, der sich und seine kleine radikale Anhängerschar wahnhaft als »die echten Vertreter der Freiheit« bezeichnet, posthum zu schützen.

Der Suhrkamp Verlag ist ja nicht irgendein Verlag. »Peter Suhrkamp und dann Siegfried Unseld haben das Haus zu dem Verlag der Bundesrepublik gemacht und zum zentralen Motor der Selbstvergewisserung und Weltaneignung des linksintellektuellen Milieus« (Florian llies).

Das Frankfurter Uwe Johnson-Archiv hätte ein solches Buch unter keinen Umständen in die Welt gesetzt. Hier irren Johnsons und Unselds Erben: Es ist noch längst nicht alles getan.


HINWEIS

Unter torculum finden Sie Kurz-Kommentare zu den bisher erschienenen Rezensionen ….
Bibliographische Daten
Titel
Beigefügtes Werk
Personen
Ausgabe
Verleger
Erscheinungsjahr
Umfang/Format
Umschlag
ISBN
Einband/Preis
Zusatztext

Inhalt
Ich wollte keine Frage ausgelassen haben : Gespräche mit Fluchthelfern
Mit einem Anh. Eine Kneipe geht verloren / Uwe Johnson
Johnson, Uwe; Veigel, Burkhart [Hrsg.]
1. Aufl.
Berlin : Suhrkamp
2010
247 S. ; 21 cm
Michels, Hermann; Göllner, Regina; Bärtels, Gabriele
978-3-518-42151-2
Ln. : EUR 22,80
Unter www.suhrkamp.de stellen wir Ihnen Ausschnitte der Original-Tonbanddokumente zur Verfügung.
Detlef Girrmann, Ein Glückfall. Vorwort (S. 7-12); Dieter Thieme, Eine »Tour«. Vorwort (13-18); Uwe Johnson interviewt Detlef Girrmann (19-108); Uwe Johnson interviewt Dieter Thieme (109-199); Anhang (201-256): Uwe Johnson, Eine Kneipe geht verloren (203-234); Burkhart Veigel, Nachwort (235-246); Inhaltsverz. (247).
Die Tondokumente auf dem Server von Suhrkamp

Uwe Johnson befragt Detlef Girrmann am 31.12.1963

 
Uwe Johnson befragt Dieter Thieme am 01.01.1964

Links (Auswahl)
Suhrkamp online
Nicht ganz aktuelle Website mit Kurzbiographie und Titelverzeich-nis der Werke Johnsons

»Das Uwe Johnson–Archiv ist in das Deutsche Literaturarchiv Marbach gezogen. Dort finden Sie auch weitere Informationen. Diese Website wird daher nur noch kurz erreichbar sein.«

Die im Jahr 2010 neu gegründete Gesellschaft in Rostock
Auf dieser Website finden sich u.a. Informationen zum Uwe Johnson-Preis, den Uwe Johnson-Tagen, Literaturhinweise und eine Kurzbiographie.
Website des Fördervereins »Uwe Johnson« in Klütz e. V.

2009 wurde am Institut für Germanistik der Universität Rostock die Uwe Johnson-Professur eingerichtet. Inhaber ist Prof. Dr. Holger Helbig, der 1999 zusammen mit Klaus Kokol, Irmgard Müller, Dietrich Spaeth (†) und Ulrich Fries diesem »Kommentar« heraus-gegeben hat. Hier findet sich eine Online-Version.
Das Radiofeature mit dem Titel Der Präzisionsarbeiter – zum 25. Todestag des Schriftstellers Uwe Johnson – ausgestrahlt vom schweizerischen Sender DRS 2 am 24.04.2009 – präsentiert exklusives Material und nähert sich dem Autor in Gesprächen mit einem Johnson-Forscher (Holger Helbig), einem Johnson-Zeit-zeugen (Jürgen Thieme) und einem Johnson-Fan (Irmgard Müller).
NACHTRAG

Auf suhkamp.de findet sich im Newsarchiv doch eine Verlagsmeldung vom 20.07.2009 zum 75. Geburtstag von Uwe Johnson:
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»Am 20. Juli wäre Uwe Johnson, einer der wichtigsten deutschen Erzähler der Nachkriegszeit, 75 Jahre alt geworden. 1934 wurde er in Kammin (Pommern), dem heutigen Kamien Pomorski, geboren. Er lebte in Berlin, New York und Sheerness-on-Sea in der englischen Grafschaft Kent, wo er im Februar 1984 starb.
Mit ›Mutmassungen über Jakob‹ veröffentlichte Uwe Johnson 1959 sein Debüt im Suhrkamp Verlag. Fulminant in der Erzählweise, humoristisch-hintersinnig, detailliert die Verhältnisse beschreibend, in denen sich die vom Autor mit Eigenleben ausgestatteten Figuren bewegen, gehört dieser Roman zu den modernen, immer neue Aktualität gewinnenden Werken über deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. Der Suhrkamp Verlag hat den Roman nun als Faksimile der Erstausgabe neu herausgegeben, mit dem von Imre Reiner gestalteten Umschlag und den Johnsonschen Angaben zur Fabel auf dem Rücken des Umschlags.«

Diese Faksimile-Ausgabe erschien – 50 Jahre nach Veröffentlichung des Originals – bereits am 23. Februar 2009, Johnsons 25. Todestag.
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© AB · subversionen.de · 31. Juli 2010 ·